Monthly Archives: Februar 2018

Straßenverkehr

Es ist in Vietnam als Ausländer nicht möglich einen Mietwagen ohne Fahrer zu bekommen. Das ist vermutlich auch gut so. Ich bin schon an diversen Ort der Welt, selbst fahrend, Verkehrsteilnehmer gewesen, das hier schlägt jedoch alles um Längen. Bis vor ein paar Jahren sind die Menschen in Vietnam mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, heute hat man den Eindruck, dass die Hälfte aller weltweiten Zulassungen für Mopeds in Vietnam erfolgt. Mit den entsprechenden Folgen  im realen Straßenverkehr. Führerscheine werden in Vietnam mit einem lächerlichen Prüfungsverfahren vergeben. Genau so funktioniert hier der Verkehr. Die Grundregeln sind in etwa die:

  • niemals nach hinten, links oder rechts schauen
  • immer hupen, dich sieht ja keiner
  • auf ein Moped passen so viele Personen, bis der erste runter fällt
  • keine Blinker benutzen, achtet eh keiner drauf
  • in möglichst spitzem Winkel abbiegen, um soviel Zeit wie möglich auf der Gegenfahrbahn zu verbringen

    Das weiße Auto biegt durch den fließenden Verkehr nach links ab. Bis zur Einmündung sind es noch ca. 50 Meter. Man achte außerdem auf den telefonierenden und rauchenden Mann auf ersten Moped. Gern werden hier auch beim Fahren Selfies gemacht.

    Das weiße Auto biegt durch den fließenden Verkehr nach links ab. Bis zur Einmündung sind es noch ca. 50 Meter. Man achte außerdem auf den telefonierenden und rauchenden Mann auf ersten Moped. Gern werden hier auch beim Fahren Selfies gemacht.

  • nicht anschnallen, es gibt die Endstücken der Gurte zu kaufen, um das lästige „Pling“ zu unterdrücken
  • jede Kurve schneiden, egal ob man von vorn kommend etwas sieht
  • als Fußgänger einfach los laufen, Mopeds weichen in der Regel aus, alles
    was 4 Räder hat, nicht
  • Zebrastreifen interessieren hier keinen
  • nicht ängstlich sein.

Hört sich alles sehr kooperativ an, es gibt relativ wenige Autos. In den Ortschaften darf man
40 km/h und über Land 60 km/h schnell fahren. Das interessiert aber auch keinen wirklich.

Es gibt jedes Jahr 15 000 Verkehrstote.

Propaganda (II)

Wir leben in Europa ohne viel Aufhebens damit, dass die Werbung in unseren Köpfen Lebensziele und Vorbilder formt, die in der Realität nicht erreichbar sind und uns lediglich zum hemmungslosen Konsum animieren sollen. In Europa, etwas Bildung und Wohlstand vorausgesetzt, kann Mann/Frau damit halbwegs umgehen.
Hier werden durch die Werbung mit einer unglaublichen Intensität Menschen aus einer Gesellschaft mit ehemals kollektiven Zielen  zu individuellen Einzelkämpfern geformt.
Wir sitzen gerade auf dem Flughafen in Saigon und warten auf unseren Flug nach Da Nang. Die überall hängenden Bildschirme bombardieren die Köpfe mit den üblichen Footages aus Produktwerbung, Musikvideos und News aus dem Leben von Prominenten. 20180221_122901
Hier zielt die Werbung nicht nur auf Konsum. Es reicht nicht, Mercedes zu fahren. Du musst in dem Auto auch wie ein Europäer aussehen. Die Haare werden gefärbt, die asiatische Form der Augen („Schlitzaugen“, ist hier nicht rassistisch gemeint) wird mit allen Mitteln der vertuschenden Kosmetik europäisch gemacht. Das wirkt auf uns teilweise extrem grotesk und überzogen.
Es ist erstaunlich, dass die Vorbilder nicht mehr die überdrehten Japaner („Lost in Translation“) auch nicht die Amerikaner sondern die Europäer sind. Das Image besteht aus einer subtilen Mischung von Werthaltigkeit von Produkten und kultiviertem Lebensstil. Auf jeden Fall so wenig wie möglich asiatisch sein.
Die Zielgruppen für die Werbung hier sind viel jünger und werden durch das Fehlen von jeglicher Regulierung wesentlich aggressiver angesprochen. Das funktioniert wie Wasser in der Wüste.
Ein Blick auf das BIP von Vietnam reicht jedoch aus, um zu sehen, dass die Ziele am Horizont für die breite Masse der Menschen hier lediglich eine Fata Morgana sind.

Schuld

Auf dem Rückweg von unserem vergeblichen Besuch im Palast entdeckten wir ein Schild „Pasteur Street Brewing Company„. Auf einem Hinterhof und nach dem Besteigen einer definitiv nicht DIN-gerechten Betontreppe fanden wir einen Ausschank („Tap-Room“) mit einer Dachterasse. Die Jung’s brauen dort ca. 10 Sorten Bier, unter anderem auch mehrere sehr ordentliche IPA.
Auf der Terrasse kamen wir dann mit zwei jungen Menschen aus Idaho ins Gespräch. Wir wissen jetzt, wo Idaho liegt (und das es immer mit Iowa verwechselt wird) und das in Idaho ca. 1,5 Millionen Menschen und 20 Millionen Schusswaffen leben. Die polarisierende Frage zum derzeitigen Präsidenten war schnell geklärt („die Bauern hier sind für Politik einfach zu dämlich..“)
und es entspann sich eine interessante Diskussion zum Thema Schuld am Krieg in Vietnam. Die Amerikaner wussten wenig Sachdienliches und die offilzielle Propagande hier ist auch nicht hilfreich zur Klärung dieser Frage. Die fatale Neigung der amerikanischen Politik ohne eine Spur von Selbstzweifel, die Welt so zu machen wie sie in den USA (siehe: „Paul Bremer in Bagdad“) ist, führt immer wieder zu solchen Konfikten. Die Russen und die Chinesen taten in der Zeit des kalten Krieges ihr Übriges dazu. Die Ziele, die mit Millionen von Toten erreicht wurden, sind heute kaum noch begreiflich zu machen.
Das Thema kann man in einer Kneipe jedoch nicht mit einer abschließenden Wahrheit diskutieren.

Das Bier dazu war auf jeden Fall ganz ausgezeichnet. Die Bierbrauer, junge Amerikaner und Vietnamesen, beweisen, dass man mit einer gemeinsamen Leidenschaft die Gräben der Vergangenheit überwinden kann.

Gemeinsame Leidenschaften

Gemeinsame Leidenschaften

Propaganda (I)

Ein bei uns bereits ausgestorbener Beruf ist der des Plakatmalers. Nicht so hier in Vietnam.  Agitprop ist immer noch sehr auffallend im Stadtbild. Die Farbkombinationen sind aus den 70er Jahren (heute schon wieder Retro) und die Motive erinnern an Mao’s beste Zeiten. Das Land ist mit netten und gebildeten Menschen auf dem Weg in die leuchtenden Verheissungen des Kommunismus. Niemand nimmt das hier noch wahr, alles wirkt wie ein Ritual aus längst vergangenen Zeiten. _MG_5122

_MG_5163Wenn man in Deutschland Jugendliche nach dem 2.Weltkrieg fragt, bekommt man in der Regel ziemlich abenteuerliche Antworten. Ich bin mir sicher, hier ist es 3 Generationen nach dem Krieg genau so.
Unser Besuch im ehemaligen Palast des Präsidenten Diem (heute „Palast der Wiedervereinigung“) scheiterte zwei mal am realen Sozialismus. Der erste Versuch um 11:30 („zu früh, 13:00 Uhr“) und der zweite Versuch um 16:15 („zu spät, nur bis 16:00 Uhr“)._MG_5166
Damit haben die Angestellten im Ticket Office augenscheinlich das gesellschaftliche Ziel des Kommunismus bereits erreicht.

Happy New Year – Tet

In der vergangenen Woche wurde mit dem chinesischen Neujahrsfest das Jahr des Hundes begonnen. Es sind noch jede Menge Vietnamesen im Land unterwegs zu Verwandten und Ahnen. Die Stadt ist voll von Dekoration zum Neujahrsfest. Das muss wieder eine riesige Party gewesen sein.

Das Jahr des Hundes mit Hammer und Sichel vor dem Kolonialhotel "Rex"

Das Jahr des Hundes mit Hammer und Sichel vor dem Kolonialhotel „Rex“

Die Stadt ist auch voll mit Plakaten zum 50jährigen Jahrestag der Tet-Offensive im Jahr 1968. General Giap („Dien Bien Phu“) hatte in einem landesweiten Aufstand in bester russischer/chinesischer Manier bis zu 100 Tausend seiner Soldaten verheizt und damit eine fulminante militärische Niederlage hingelegt. Am Ende konnte General Westmorland den Krieg jedoch nicht mehr weiter führen, die amerikanische Öffentlichkeit wollte einfach nicht mehr. Spätestens mit den Pentagon-Papers (1971), die gibt es jetzt als Film „The Post“ mit Meryl Streep und Tom Hanks, waren dann alle Messen gesungen. Giap hatte im Ende gesiegt. Doch, wie wir spätestens seit der letzten Wahl wissen, ist das Ende nicht das Ende und zu Ende sind die Dinge erst, wenn sie zu Ende sind.

Wenn man heute in Saigon ist, wird man jedoch den Eindruck nicht los, dass General Giap und die Kommunisten den Krieg vielleicht doch verloren oder nicht ganz richtig gewonnen haben. Die Rote Fahne mit Hammer und Sichel vor dem Louis Vuitton Flagship Store Saigon zeigt das irgend wie recht deutlich.

Cocktail in der "EON Sky Lounge" in der 52.Etage

Cocktail in der „EON Sky Lounge“ in der 52.Etage

Escape (III) SGN

Wir haben unseren neuneinhalbstündigen (9:30 h) Flug von Moskau nach Saigon überstanden. Die kulinarischen Ergüsse der Aeroflot sind dabei auf jeden Fall bemerkenswert. Ich hatte mal einen Flug mit der IBERIA, da konnte man nicht mal den Keks essen, die Russen waren auf jeden Fall dicht dran.
Das internationale Kürzel des Tan Son Nhat Airport zeigt es bereits: Außer bei den Kommunisten gibt es nirgends die Bezeichnung Ho Chi Minh City für Saigon. Die IATA hatte da augenscheinlich auch keine Lust drauf.

Dafür aber jede Menge Paranoia bei der Einreise. Die Schlangen wie vor dem Lenin-Mausoleum. Die Geschwindigkeit der Abfertigung kaum wahrnehmbar. Man hat zumindest bei der Einreise nicht den Eindruck, dass das Land zu großen Teilen vom Tourismus lebt.

Die Pho war die erste gültige Mahlzeit, die Qualität ausgezeichnet.

Die Pho war die erste gültige Mahlzeit, die Qualität ausgezeichnet.

Wir hatten Glück, direkt neben uns wurde eine neue Kasse aufgemacht, 10 Minuten warten, dann war es vollbracht. Rucksäcke waren ebenfalls gelandet, Taxi für 10 Dollar zum Hotel, Zimmer, duschen und 2 Stunden Tiefschlaf.

Escape (II) SVO

Wir sind in Sheremetyevo (Moskau) gelandet, Grau, Schnee und drei Grad unter Null. Es erinnert alles ein bisschen an Doktor Schiwago, nur eben mit Flugzeugen. Die Menschen sind nicht gerade ein Ausbund an fröhlicher Kommunikation. Wir sitzen jetzt in einem Cafe (Schokoladniza) und warten auf den Anschlussflug nach Saigon. Der doppelte Espresso war nicht der Rede wert (ich hoffe es war wenigstens Koffein drin), der Kuchen schön süß und die Bedienung, siehe oben.

20180218_153308-cutAuf jeden Fall sind wir jetzt erst mal an einem Ort, an dem wir von der German Daily Soap („Der Mann mit den Haaren im Gesicht“, „Bätschi“ und „Onkel (Heimat) Hotte“) verschont sind. Es ist eigentlich eine angenehme Sache, wenn man in einem fremden Land nur wesentliche  Worte („Allunionsausstellung“, „Sehenswürdigkeit“ und „Unterseeboot“) versteht, man bleibt von den allgemeinen Belanglosigkeiten verschont. Ach ja, auf einem Reklamebildschirm von Russia Today: „Missed a Plane? Lost an Election?  Blame Us!“

Escape(I) SXF

Unser Hauptstadtflughafen in Schönefeld ist immer etwas besonderes. Als Kind hatte ich den neu und riesig in Erinnerung. An einem grauen Sonntagmorgen ist es hier ziemlich schäbig. So stellt man sich Bahnhöfe an Orten vor, die vom amerikanischen Präsidenten kürzlich als Shit-Hole-Countrys bezeichnet wurden.
Asiatische Familien mit irrwitzig riesigen Gepäckstücken vor uns in der Schlange. Am Security Check eine Traube von ratlos schauenden BGS Beamten, die darüber rätseln, ob sie das Gepäckstück einer 4 Jährigen bombentechnisch untersuchen lassen müssen. Wir haben Glück,
das Terminal wurde nicht geräumt. Nach einem Blick in unsere Pässe stehen wir in einer Art
verglastem Käfig für die Ausreise aus der EU.

Jede Große Reise beginnt am Bahnhof Saarmund..

Jede Große Reise beginnt am Bahnhof Saarmund..

Den Abstand zwischen Decke und den Seitenscheiben hat man clever mit Hühnerdraht aus dem Baumarkt dicht gemacht. Die Abfertigung zieht sich in die Länge, da etliche unserer Mitmenschen weder die Dimensionierung von Handgepäck, noch die Bedeutung der Worte „ein Stück Handgepäck pro Person“ verstehen. Mit 45 Minuten Verspätung entschwinden wir aus SXF.

Insgesamt aber ein gutes Wochenende: Deniz ist frei (#FreeDeniz) und der 1. FC Magdeburg führt die Tabelle der dritten Liga an.