Monthly Archives: März 2018

Mister Phath

Es ist hier unmöglich für uns das Alter der Leute zu schätzen. Ist die Bedienung im Cafe 12 oder 22 Jahre alt? Phath erzählte uns in einer Pause, dass er 44 Jahre alt ist und einen Sohn sowie zwei Töchter im schulpflichtigen Alter hat.

Das ist unser freundlicher und sehr kompetenter Mr. Phath

Das ist unser freundlicher und sehr kompetenter Mr. Phath

Hier wird wesentlich besser englisch gesprochen als in Vietnam. Wir wollen wissen, weshalb das so ist. „..Meine Eltern sind Anfang der 1990er vor dem Bürgerkrieg nach Thailand geflohen. Ich habe das dort in der Schule gelernt..“.
Ich gebe hier ungefähr unser anschließendes Gespräch zur Lage im Land wieder.
Wir haben an allen Tempeln Spuren der Kämpfe gesehen.

Hier ein Überbleibsel aus der Zeit als das Land noch von Lon Nol regiert wurde

Hier ein Überbleibsel aus der Zeit als das Land noch von Lon Nol regiert wurde

Das Land ist nach wie vor sehr stark durch Landminen (https://en.wikipedia.org/wiki/Land_mines_in_Cambodia) verseucht. Wenn man die Augen offen hält, entdeckt man immer wieder Leute mit amputierten Gliedmaßen. Über 40 000 sind das landesweit. Die großen Tempel wie Angkor Wat sind als Folge des Bürgerkrieges geplündert. Es gibt kaum Statuen mit Köpfen. Selbst aus den kunstvollen Reliefs wurden Miniaturen heraus geschnitten. _MG_6163
Der Kunst(schwarz)markt ist wahrscheinlich voll mit Artefakten aus der Angkor Zeit. Selbst heute werden in den riesigen Arealen noch neue Kultstätten entdeckt, es ist aber auch immer ein Kampf gegen den Kunstraub.

Wie funktioniert Cambodia heute politisch? Sehr schlecht. Cambodia ist ein Ein-Parteien-Staat. Das Argument, mit dem jede politische Opposition mundtot gemacht wird, ist die „Aussöhnung“. Hier funktioniert jedoch nur die Korruption und der brutale Machterhalt. Es wird nicht geredet, nur gehandelt. Willkürliche Enteignung von Land ist an der Tagesordnung. Die Nutznießer sind zunehmend chinesische oder vietnamesische Unternehmen, die sich politische Entscheidungsträger „kaufen“. In den letzten Tagen gab es in der Mekong Region Proteste gegen die Regierung.
Fazit: Sieben Tote durch Polizeigewalt.

Die Tatsache, dass hier jedes Alltagsgeschäft in US$ abgewickelt wird, zeugt auch nicht gerade von großem Vertrauen der Bürger in den Staat. Der Tourismus wird im großen Stil entwickelt. In dem kleinen Siem Reap sind riesige Hotels entstanden. Zunehmend durch Chinesische Investoren für chinesische Touristen, „all inclusive“ die Touristen verlassen die Hotels nur zu den Besichtigungen.
Die Preise für die Angkor Tickets wurden vor einiger Zeit um 72% angehoben. Das 3 Tage Ticket, welches zum Eintritt in die archäologischen Stätten berechtigt, kostet jetzt 60 Dollar pro Person.Die Arbeiten haben in den letzten Jahren jedoch nur wenig Fortschritte gemacht.
Was passiert mit dem Geld?

Darf man eigentlich nach Cambodia reisen?
Wahrscheinlich schon, der freundliche Mister Phath hat schließlich eine Familie zu ernähren.

Grasshoppers

Wir sind heute morgen sehr zeitig (um 4:00 Uhr) aufgestanden. Eine halbe Stunde später stand Phath vor uns und holte uns zur „Angkor Sunrise Discovery“ (https://www.grasshopperadventures.com/en/day-tours/angkor-sunrise-discovery.html) ab. Das besondere an der Tour war, dass die Entfernungen zwischen den Tempeln nicht per Tuk Tuk, sondern mit dem Fahrrad zurück gelegt werden. Aber erst einmal mit dem Van nach Angkor Wat zum Sonnenaufgang. Nach der Erfahrung des gestrigen nachmittags, graute uns ein wenig vor den Massen und dem Zugang zum Gelände. Phath benutzte aber einen anderen Eingang und wir sind allein und in finsterer Nacht an den ersten Bauwerken vorbei gekommen. An der Westseite des Tempels (Lara Croft „Tomb Raider“) stellen wir uns dann doch zu den zahlreich erschienenen Leuten. Alle haben ihre Handys in die Höhe gereckt, die Sonne wird begrüßt, wie die Stars auf einem Popkonzert.

Alle warten auf den großen Moment. Zwischen den Massen sind auch schon die T-Shirt Verkäufer unterwegs.

Alle warten auf den großen Moment. Zwischen den Massen sind auch schon die T-Shirt Verkäufer unterwegs.

_MG_6051Anschließend verlässt Phath mit uns (wir sind zusammen mit Emma und Peter aus England eine sehr kleine Gruppe) den Bereich wieder und wir finden nur wenige Schritte abseits Stille. Nach einigen sehr interessanten Einführungen zur Geschichte von Angkor Wat sehen wir die Baukunst und die vielen Verzierungen bereits mit anderen Augen. Wenige Minuten später stehen wir auf der 3. und höchsten Ebene des Tempels. _MG_6169
Nach der Besichtigung fährt uns der Van in den Dschungel. Unter einem schattigen Dach wird das Frühstück bereitet. Der Fahrer ist auch gleichzeitig der Koch, der Eier brät und Kaffee bereitet. In diesem Land gibt es zu jeder Mahlzeit frisches Obst. Dann kommt der Moment des Empfangs der Räder (Avalanche GT, alles in einem sehr guten Zustand) und wir machen uns quer durch den Dschungel auf den Weg nach Angkor Thom.

Die Gruppe auf dem Weg durch den Dschungel.

Die Gruppe auf dem Weg durch den Dschungel.

Da wir gestern bereits ein wenig „geübt“ haben, geht das Fahren gut voran. Der obligatorische Helm wird, wie wir sehr schnell bemerken, für die herabhängenden Äste und Zweige im Dschungel benötigt. Angkor Thom befahren wir ebenfalls nicht mit den Tuk Tuk’s, die jetzt bereits in Massen unterwegs sind.

Die Zufahrt nach Angkor Thom.

Die Zufahrt nach Angkor Thom.

Nach einer Runde auf der die Stadt umgebenden Wallanlage stehen wir vor dem nächsten atemberaubenden Tempel. Nach der Besichtigung, hier entgeht man leider nicht den Heerscharen von Chinesen und Koreanern, geht es weiter. Der Weg führt durch den Dschungel Wir kommen immer wieder an kleinen Dörfern vorbei. Wasserbüffel, Schweine, Hühner. Die Menschen reagieren durchweg freundlich auf unser Erscheinen.
Wir kommen jetzt an Stätten, an denen wir ganz allein sind._MG_6276
Das Herumstreifen in den notdürftig ausgegrabenen und gesicherten Tempeln ist problemlos und findet unter Anleitung von Phath statt._MG_6260
Mit dem Fahrrad kann man abseits der befestigten Straßen, eine kundige Führung vorausgesetzt, einsame und interessante Dinge entdecken._MG_6188

In Ta Prohm ist der durch "Lara Croft" bekannt und berühmt gewordene Zugang zum Tempel. Da ist man leider wieder nicht mehr allein.

In Ta Prohm ist der durch „Lara Croft“ bekannt und berühmt gewordene Zugang zum Tempel. Da ist man leider wieder nicht mehr allein.

Gegen 13:30 beenden wir unsere Tour in einem Khmer Restaurant. Wir haben etwas über 20 km zurück gelegt, was bei 34 Grad recht anstrengend sein kann. Nach dem Essen werden wir mit dem Van wieder in das Hotel gebracht. Duschen und sofort eine Stunde schlafen. Es war ein wunderbarer Tag.

Siem Reap

Nach unserem etwas holperigen Start in Cambodia sind wir im Hotel (http://retreat.goldentempleretreat.com/) gelandet und wurden mit jeder nur erdenklichen Freundlichkeit überhäuft. Als wir dem Bellcaptain unsere Einreise schilderten, hatte er nur einen Satz: „..that’s the normal corruption here“. Cambodia hat mit dem Riel eigentlich eine eigene Währung. Die ist hier aber nicht im Gebrauch, alles geht in US$. Die ATM spucken Dollars aus, alles wird in Dollar bezahlt. Das ist gegenüber der schwindsüchtigen Währung in Vietnam eine echte Erholung, man hat wieder richtiges Geld in der Hand. Die Preise sind sehr moderat, das große Bier in der Happy Hour kostet 50 US Cent. Siem Reap ist mit 100 000 Einwohnern im Vergleich zu Saigon eine Kleinstadt. Hier geht es sehr beschaulich zu. Der Straßenverkehr ist ungefährlich, daher haben wir heute morgen beschlossen uns ein Fahrrad zu leihen, um zum Angkor Ticket Office zu fahren. Für 4 US$ pro Tag gibt es ein Mountainbike (Giant) mit Scheibenbremsen in sehr gepflegten Zustand. Bei den Temperaturen ist Radfahren sehr angenehm. Wir haben jetzt einen 3 Tage Pass für die Angkor Ausgrabungen erworben. Am Nachmittag beschließen wir spontan die 8 km nach Angkor Wat zum Sunset zu radeln.
Das war leider kein Vergnügen.
Die Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand. Radfahrer werden durch die anderen Verkehrsteilnehmer zwar toleriert, aber jede Kreuzung ist ein neues Abenteuer. Die Vorfahrtregeln, falls es so etwas gibt, sind komplett unklar. Die Straßenränder bestehen aus riesigen Löchern, man fährt bei 32 Grad in ziemlich verschmutzter Luft.
In völliger Unkenntnis der Lage sind wir erst einmal zum Westtor gefahren. An einem Checkpoint ca. 1 km vor dem Tempel werden die Tickets gelocht. Wir schließen die Räder an und ich springe noch in meine gerade erworbene Khmer Hose (wegen der bedeckten Knie).

Gute Hose für 5 Dollar, schnell rein und raus. Das mit den Knie hat hier aber auch niemanden interessiert.

Gute Hose für 5 Dollar, schnell rein und raus. Das mit den Knie hat hier aber auch niemanden interessiert.

Schon am Zugang glaubten wir eher auf dem Weg nach Disneyland als in einen Tempel zu sein.

Der Westeingang ist zum Nachmittag recht überlaufen

Der Westeingang ist zum Nachmittag recht überlaufen

Neben den üblichen Händlern (viele Kinder) unsere asiatischen Mitbürger, die dort augenscheinlich nur der Selfies wegen hinreisen. Auf Allem wird herum geklettert, überall wird gepost (gibt es das Wort eigentlich?) und lautstark telefoniert. Reiseführer mit elektronischer Verstärkung für ihre 30 chinesischen oder koreanischen Touristen, alle in gleich T-Shirts, geben die Geschichte von Angkor zum Besten.
Nach einer Stunde wollen wir aus dem Gewühl nur noch raus. Dir Rückfahrt gestaltet sich nicht besser. Der Verkehr hat noch zugenommen, wir sind mitten in der Rush hour. Dann haben wir es geschafft, das Fahrrad abgeben und ein kaltes Bier.

„It’s a holiday in Cambodia. It’s tough, kid, but it’s life“

Die Dead Kennedys haben bereits Anfang der 1980er gewusst, dass es nicht einfach sein würde, dort Ferien zu machen. Wir verlassen um 6:00 Uhr unser Hotel zum Flughafen, um die 262 nm nach Siem Reap zurück zu legen. Da es noch kein Frühstück im Hotel gab, hatten wir geplant in Tan Son Nhat noch eine letztes vietnamesische Morgenmahlzeit einzunehmen. Die Abgabe des Gepäcks ging zum Glück reibungslos von statten, denn ein Online Login auf der Website der Cambodian Angkor Air hatte nicht funktioniert. Dann das erste mal anstehen für die Ausreise aus Vietnam. An jeden Zettel muss wieder ein Stempel, das Visa muss ungültig gemacht werden. Sicherheitskontrolle, nix mit Frühstück. Ein Croissant und zwei Cappuccino (aus dem Pappbecher) für 18 US$. Der Flug startet eine halbe Stunde später. Im Flieger gibt es sofort Papier zum Ausfüllen. Die 40 Minuten Flug sind auch notwendig, um die A6 großen Zettel mit mikroskopischer Schrift (ging nur mit Brille und Taschenlampe vom Handy) auszufüllen. Nach der Landung in Siem Reap findet als erstes der Erwerb eines Visums statt. Für 30 US$ pro Nase bekommt man ein Touristenvisum. Leider hatte ich nur Euro oder Kreditkarte. Nur Cash, nur Dollar. Am Ende bezahlen wir statt der 60 US$ 65 Euro für 2 Visa. Ein origineller Umtauschkurs. Das Einsammeln des Geldes war dann aber auch der schnelle Teil der Einreise.
Anschließend steht man dann in einer Menschentraube und ein Offizier versucht (bei den deutschen Pässen wird nur „Helga“ oder „Claudia“ gerufen) die Namen aus den Pässen vorzulesen, um diese den Besitzern wieder zurück zu geben.

Das ist der Mann, der die Pässe wieder ausgibt. Weiter ran habe ich mich nicht getraut, die Jungs lassen sich nicht so gern fotografieren.

Das ist der Mann, der die Pässe wieder ausgibt. Weiter ran habe ich mich nicht getraut, die Jungs lassen sich nicht so gern fotografieren.

Dann beginnt das eigentliche Anstehen für die Einreise. Die 20 Leute vor uns benötigen ca. 45 Minuten, alles geht hier sehr sehr langsam. Als Trost drehte sich zumindest unser Gepäck bereits seit einer Stunde auf dem Kofferband im Kreis.
Wenn man sich den Zustand eines Landes ansehen will, sollte man einen Blick auf dessen Bürokratie werfen. Hier wird, wie in Vietnam auch, über völlig unsinnige Visagebühren die Bürokratie gefüttert und bei guter Gesundheit gehalten. In Siem Reap konnte man es sich sehr gut live ansehen wie so etwas funktioniert. Drei Mann sammeln Geld ein und drei Mann drücken die Stempel in die Pässe. Die Geldzählmaschine steht auf dem Tresen und rattert ununterbrochen. Am Ende benötigen wir für die 500 km über 5 Stunden.
Glücklicherweise stand am Ausgang der Mann mit dem Zettel mit dem Namen unseres Hotels darauf. Die Begrüßung im Hotel war sehr herzlich.

Begrüßung im Hotel mit etwas Khmer Food

Begrüßung im Hotel mit etwas Khmer Food

 

Die letzte Pho

Wir haben heute eine Exkursion von Saigon ins Mekong Delta nach My Tho unternommen. Die Variante mit dem Speedboat erspart uns die zwei mal drei Stunden Busfahrt. Pünktlich wurden wir vom Hotel zum Hafen gebracht, auf dem Boot nur 6 zahlende Gäste, der Skipper und die Reiseleiter. Am Heck hängen 200 PS und die verhelfen uns zu 20-30 kn Fahrt, was zu einem angenehmen Luftzug führt.

So sieht Saigon vom Wasser aus.

So sieht Saigon vom Wasser aus.

Wir starten auf dem Saigon River, fahren durch diverse Nebenflüsse und erreichen dann über einen Kanal den Mekong. Der ist an dieser Stelle bereits bis zu 4 km breit. Die Flüsse sind hier nach wie vor wichtige Transportwege. Gefühlte 90% aller Schiffe die in Richtung Saigon unterwegs sind, und das waren sehr, sehr viele, transportieren Kies zum Bauen. Der Mekong führt sehr viel Sedimente und hat damit eine braune Farbe. Die Sedimente werden mit speziellen Schiffen abgesaugt und als Baustoff bis nach Singapore verkauft. Die Stadt Saigon mit ihren gigantischen Bauvorhaben, die kann man sehr gut vom Fluss aus sehen, hat einen riesigen Hunger nach Sand und Kies. Auf dem Fluss wird mit allem was schwimmt Ware transportiert. Das sind zum Teil sehr abenteuerliche Gefährte, jedes Schiff aber auch gleichzeitig ein Heim für eine Familie.
Im Mekong Delta wird in riesigen Mengen Reis erzeugt. Hier sind drei Ernten im Jahr möglich. Hölzerne Dschunken, bis kurz vor dem Untergehen mit Reissäcken beladen, kommen uns entgegen. Der Guide erzählt uns, dass Vietnam noch sieben Jahre seine Schulden für die brüderliche Hilfe an Waffen für den Krieg, der 1975 endete, an die Russen und Chinesen zurückzahlen muss. „Für jede Kugel aus der Kalaschnikow müssen wir heute 3 Kilogramm Reis verkaufen“. So etwas macht doch sehr nachdenklich.

Der Mann hat uns abseits vom Mekong eine kurze Strecke gefahren. Er sitzt direkt auf seinem Dieselmotor, der ist undicht und unglaublich laut. Der Motor oder der Diesel sind noch nie explodiert.

Der Mann hat uns abseits vom Mekong eine kurze Strecke gefahren. Er sitzt direkt auf seinem Dieselmotor, der ist undicht und unglaublich laut. Der Motor oder der Diesel sind noch nie explodiert.

Der Rest des Tages war landwirtschaftliche Erzeugungen (Kakao; Vincent Mourou macht hier eine der besten Schokoladen der Welt) ansehen,  ein wenig Folklore und Essen.

Hier gibt es in einer landwirtschaftlichen Kooperative Schnaps zu kosten. Der vordere Behälter ist mit Schlangen gefüllt, darauf wird Alkohol gegossen. Schmeckt aber nach nix.

Hier gibt es in einer landwirtschaftlichen Kooperative Schnaps zu kosten. Der vordere Behälter ist mit Schlangen gefüllt, darauf wird Alkohol gegossen. Schmeckt aber nach nix.

Auf dem Rückweg noch ein Stopp an einem Tempel mit Landungssteg und ein paar erweiternde Einführungen in die buddhistische Religion. Bald erreichen wir die Außenbezirke Saigons. An den Bahnstrecken und an den Flüssen leben die Armen. Das Leben am Fluss sieht da kein bisschen romantisch aus.

Diese Hütten sind alle bewohnt. Im Hintergrund schon die neuen Häuser.

Diese Hütten sind alle bewohnt. Im Hintergrund schon die neuen Häuser.

Aber auch hier wird neu gebaut, die Leute werden verdrängt.
Jetzt noch die letzte Pho essen, morgen geht es nach Cambodia.

Propaganda (III)

Wir sind wieder in Saigon. Es ist unglaublich heiß und schwül hier. Trotzdem haben wir heute morgen noch einmal einen Anlauf zum Besuch des Präsidentenpalastes aka „Wiedervereinigungspalast“ unternommen. Das Ticketoffice war geöffnet und nachdem wir 40k VDN (knapp 2 Euro) pro Person entrichtet hatten, durften wir das Gelände des Palastes betreten.
Ich war sehr skeptisch (Propaganda), ob sich der Besuch lohnen würde. Was hier jedoch an Architektur und Geschichte geboten wurde hat mich angenehm überascht. Auf dem Gelände stand der alte Palast des französischen Gouverneurs. Dieser wurde später von Präsident Diem weiter genutzt. Am 27. Februar 1962 rebellierten zwei Piloten der südvietnamesischen Luftwaffe. Sie fliegen mit ihren Maschinen zum Palast und werfen ihre Bomben, mit dem Ziel Präsident Diem zu töten, ab. Das Vorhaben missglückt, der Palast wird aber irreparabel beschädigt und wird abgerissen. Der vietnamesische Architekt Ngo Viet Thu baut in einer bemerkenswerten Mischung aus Konfuzianismus, Taoismus und der Moderne der 1960er einen neuen Palast. Präsident Diem bekam den fertigen Palast jedoch nie zu sehen. Er wurde das Opfer eines Coup d’etat im Jahre 1963. Dannach bezogen die Herren Thieu und Ky den Palast und regierten dort bis zu dem Tag, als 1975 zwei chinesische Panzer der nordvietnamesichen Armee durch das Tor stießen und die Republik Vietnam aufhörte zu existieren.
Der Palast ist trotz seiner Betonoptik ein sehr angenehmes Stück Architektur.

So sehen die repräsentativen Räume des Palastes aus. Alles ist unbeschädigt, selbst die Teppiche sind sauber und gepflegt.

So sehen die repräsentativen Räume des Palastes aus. Alles ist unbeschädigt, selbst die Teppiche sind sauber und gepflegt.

Wir bekommen in einer weitläufigen und luftigen Umgebung einen Einblick in die Zentrale der Macht Südvietnams in den 1970igern. Für mich war es erstaunlich, dass der Palast mit seinen Möbeln, Teppichen
und sonstigen Devotionalien im Originalzustand zu sehen ist. Man hat vollständig darauf verzichtet irgend etwas zu kommentieren bzw. Versatzstücken (von den beiden chinesischen Panzern im Garten abgesehen) des nationalen Befreiungskampfes hinzuzufügen. In den Repräsentationsräumen stehen Geschirr und Gläser auf den Tischen, die Wohnräume des Präsidenten sind noch vollständig möbliert. Alles ist in einem sehr geschmackvollen Stil (heute ja wieder Retro) eingerichtet.Nichts wurde geplündert oder verwüstet.

Hier unten im Bunker ist alles noch original (US Army Grau) eingerichtet, sauber und betriebsbereit.

Hier unten im Bunker ist alles noch original (US Army Grau) eingerichtet, sauber und betriebsbereit.

In der Kommandozentrale im Keller hängen noch die Karten mit den letzten Eintragungen von 1975. Die Funkgeräte und Telexmaschinen (GE und Motorola) sehen aus als benötigten sie lediglich Strom um ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Selbst der Fluchthubschrauber des Präsidenten steht noch auf dem Dach. Der Besuch hat sich dort auf jeden Fall gelohnt.

Der Hubschrauber des Präsidenten, der Vizepräsident Ky war selbst Kampfpilot und konnte das Ding fliegen. Die beiden roten Kreise zeigen Bombentreffer eines südvietnamesischen Piloten von 1975, die am Gebäude jedoch keinen Schaden anrichteten.

Der Hubschrauber des Präsidenten, der Vizepräsident Ky war selbst Kampfpilot und konnte das Ding fliegen. Die beiden roten Kreise zeigen Bombentreffer eines südvietnamesischen Piloten von 1975, die am Gebäude jedoch keinen Schaden anrichteten.

Noch ein kleiner Nachtrag zum gestrigen Tag. Als unser Airbus zur Runway fährt, sehe ich auf einem Stellplatz zwei Grumman Greyhound der US Navy mit laufenden Motoren. Das sah für mich eher ungewöhnlich aus. Heute morgen sehe ich bei CNN (https://edition.cnn.com/2018/03/03/asia/vietnam-us-uss-vinson-intl/index.html) das der amerikanische Träger USS „Carl Vinson“ vor Da Nang liegt. Seit dem Ende das Vietnamkrieges ist das der erste Besuch dieser geopolitischen Waffe der Amerikaner in Vietnam. Der Hintergrund ist, dass die Vietnamesen mit den Chinesen seit langem über einige Inseln im südchinesischen Meer im Clinch sind. Mit der Aufhebung der Embargos unter Obama finden sich hier augenscheinlich neue Allianzen zur Unterstützung der vietnamesichen Interessen.
Das ist 50 Jahre nach Tet 1968 doch recht bemerkenswert.

Da Nang im Rückspiegel

Wir sitzen auf dem Da Nang Airport und warten auf unseren Flug nach Saigon. Nach 14 Tagen in dieser Gegend (Hue und Hoi An ist hier quasi um die Ecke) ist es an der Zeit, ein erstes Fazit zu unseren Erlebnissen zu ziehen.
Wir haben hier viele unglaublich nette und hilfsbereite Menschen getroffen. Der Tourismus ist ihre Haupteinnahmequelle. Die Chance zu etwas Wohlstand. Dafür wird mit Hingabe sehr viel und lange gearbeitet.

Diese freundlichen Herren haben uns geholfen den verschlossenen Hotelsafe wieder zu öffnen.

Diese freundlichen Herren haben uns geholfen den verschlossenen Hotelsafe wieder zu öffnen.

Hier setzt aber auch, wie überall auf der Welt, die Flucht der jungen Leute vom Land in die Städte ein. Wie es auf dem Land aussieht, konnte man nur aus dem Zug oder dem Auto heraus erahnen.
Das System der immer noch vorhandenen staatlichen Regulierung bemerkt man als Tourist positiv. In den Taxis gibt es genormte Taxameter, Geld tauschen findet überall zum gleichen Kurs und ohne betrügerische Nebenkosten statt. Wir haben uns auch abends  in dunkleren Nebenstraßen sicher gefühlt. Es wird nicht aggressiv gebettelt, die Menschen sehen gut ernährt, sauber und  gebildet aus. Eine der Schneiderinnen erzählte mir, dass es einer der größten Vorteile in ihrem Job sei, jeden Tag englisch sprechen zu können. Die Sprache war halt kein Schulfach, ist aber die Grundvoraussetzung für berufliches Weiterkommen.

Das ist aber auch nur der Blick durch die Fenster von luxuriösen Hotels auf die gepflegte Landschaft des Vorgartens.

Vietnam verfügt über viele hundert Kilometer phantastische Strände. In Da Nang kann man aber bereits die finstere Seite des Massentourismus sehen. Eine riesige Hotelanlage nach der nächsten frisst sich in Richtung Süden den „China Beach“ die Küste herunter.

Das ist ein Blick auf das hintere und ältere Ende des China Beach. Hier geht das Licht bereits wieder aus.

Das ist ein Blick auf das hintere und ältere Ende des China Beach. Hier geht das Licht bereits wieder aus.

Rund jedes Zehnte Bauvorhaben steht als Ruine halb fertig gebaut in der Landschaft. Hoi An ist fast erreicht und der Bauboom wird in den kommenden Jahren die noch unverbauten Strände schlucken. Straßen und Brücken zur Verlängerung des Strip sind bereits im Bau. Vietnam ist dabei zum „Ballermann“ Südostasiens zu werden. Die Masse der Touristen kommt bereits heute „all inclusive“ aus Südkorea und China. Kleinere Hotels, teilweise in zauberhaften Landschaften, stellen mangels Gästen bereits den Betrieb ein.

Urban Gardening findet man auch noch mitten in Da Nang. Das angebaute Obst und Gemüse wird direkt nebenan in den Straßenrestaurants verarbeitet. Leider ist aber auch die Zeit solcher Flächen gezählt.

Urban Gardening findet man auch noch mitten in Da Nang. Das angebaute Obst und Gemüse wird direkt nebenan in den Straßenrestaurants verarbeitet. Leider ist aber auch die Zeit solcher Flächen gezählt.

Hier ist kein Konzept und keine Struktur erkennbar. Die ökonomischen und ökologischen Folgen können sich die Verantwortlichen in Thailand ansehen.  Hier wird nur für den Augenblick geplant und investiert, hier entsteht eine der nächsten riesigen Immobilienblasen. Das Geld, sehr viel Geld, kommt aus Südkorea, Japan und China.
Das Ganze läuft unreguliert und in sehr hoher Geschwindigkeit ab. Korruption ist auch in Vietnam ein riesiges Problem. Die roten Fahnen und Plakate auf den Straßen können nicht darüber hinweg täuschen, dass hier Kapitalismus in Reinkultur betrieben wird.

Wir können uns für diese freundlichen Menschen hier nur wünschen, dass sie (durch welches Wunder auch immer) vom nächsten Erdbeben des Finanzkapitalismus verschont bleiben.

Schneider – Hoi An

In Hoi An gibt es in unglaublicher Dichte Maßschneider. Da es mal wieder an der Zeit war die „Formal Wear“ etwas aufzufrischen, sind wir auf Empfehlung zu BeBe gefahren. Es ist Samstag morgen und wir sind nach knapp 2 Wochen Urlaub bereits gut ausgeruht für den Besuch beim Schneider. Das war mein erstes Erlebnis dieser Art. Sich aus Stoffen und verschiedenen Schnittmodellen einen Anzug vorzustellen, ist wie ein Restaurantbesuch ohne Speisekarte. Der Wirt fragt dich einfach nur „..worauf hast Du Appetit“?  Nach einer reichlichen Stunde Stoffe und Modelle ansehen haben wir, dank der tatkräftigen Unterstützung des Fachpersonals, die Entscheidung für Anzüge und Blusen getroffen.

Das erste Fachgespräch mit den kleinen Schneiderinnen. Die Dame links neben mir macht den Job schon seit 16 Jahren.

Das erste Fachgespräch mit den kleinen Schneiderinnen. Die Dame links neben mir macht den Job schon seit 16 Jahren.

Die Schneiderinnen nehmen Maß und schreiben Zahlen auf. Uns fehlt jede Vorstellung wie daraus irgend wann ein Bekleidungsstück werden soll. Aber: „the first fitting is today at 5:30 p.m.“.
In einem gut klimatisierten Raum befinden sich 7 Umkleidekabinen. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich junge Touristen in Shorts mit einem Anzug plötzlich in seriös aussehende Yuppies verwandeln. Unsere Anzüge sind bereits im rohen Zuschnitt fertig.

Die erste Anprobe, man kann bereits erkennen, was es werden soll.

Die erste Anprobe, man kann bereits erkennen, was es werden soll.

Um uns herum wuseln die kleinen (sie sind alle nur 1,50 m groß) Schneiderinnen. Es herrscht eine hoch professionelle, aber auch fröhlich ausgelassene Stimmung bei der Arbeit. Die Stunde Anprobe ist wie im Flug vergangen. In der angrenzenden Werkstatt stehen rund 30 Nähmaschinen. Alles läuft mit unglaublicher Präzision hier ab.
Am Sonntag Nachmittag dann die zweite Anprobe. Knöpfe, Farbe der Knopflochumrandungen, Einstecktücher in der Farbe des Innenfutters. Am Ende wird ein Paket gepackt und die Sachen werden nach Hause geschickt.

Buddhismus

Wer glaubt,  dass das „Allahu Akbar“ des Muezzin sechs mal am Tag oder die Glocken einer großen Kirche eine geräuschvolle Religion verkörpern,  sollte es mal mit dem Buddhismus versuchen. In jeder bisher besuchten Stadt gibt es Unmengen von kleinen und großen Tempeln. Dank moderner chinesischer Unterhaltungselektronik ist die Religionsausübung auch wirklich zu jeder Zeit gut hörbar.
Morgens gegen sechs Uhr wird mit einer Mischung aus asiatischer Popmusik und elektronisch verstärken Litaneien der Tag eingeleitet. Das ganze hört sich ein wenig an wie das Wecken im Kinderferienlager. Nach ca. 20 Minuten hat man jedoch die Chance weiter zu schlafen. Ab neun Uhr kommen dann Trommeln, riesige Bongs und Zimbeln dazu. Am Nachmittag trifft man mit Sicherheit irgendwo auf eine Prozession. Gestern war es die Dankesprozession der Fischer.

Das Video dazu bringt auch sehr gut die Lautstärke herüber.

Das Video dazu bringt auch sehr gut die Lautstärke herüber.

Zum Abend werden dann endlose Litaneien, immer wieder von gemurmelten Gesängen unterbrochen, gebetet. Für unsere Ohren hört sich das an, als ob die Zahlen beim Bingo vorgelesen werden. Dank der oben erwähnten Verstärker ist das auch noch bei geschlossenen Fenstern zu hören.
Wie präsent die Religion ist kann man im täglichen Straßenbild sehen. In jedem Laden und jedem Restaurant gibt es einen kleinen Schrein mit Opfergaben für das Wohlergehen der Ahnen und für zukünftiges Glück.

Hier stehen, gut beleuchtet, die Opfergaben in einem normalen Bekleidungsgeschäft.

Hier stehen, gut beleuchtet, die Opfergaben in einem normalen Bekleidungsgeschäft.

Mister Binh

Für den Preis einer guten Restaurantmahlzeit kann man sich in Vietnam von einem Chauffeur in einem SUV die 140 km von Hue nach Hoi An fahren lassen. Wir hatten keine richtige Lust auf die Wiederholung des Erlebnises Eisenbahn, also entschlossen wir uns zu dieser etwas großbourgeoisen Art des Reisens. Rucksäcke in den Kofferraum, das Servicepersonal steht winkend(!) am Tor und es geht los.
Unser Fahrer stellt sich als Mister Binh vor.

Unser Fahrer Mister Binh

Unser Fahrer Mister Binh

Er ist das exakte Abbild eines unglaublich seriösen Chauffeurs. Das Autofahren geht hier recht gemächlich vor sich. Wenn mal richtig „Gas“ gegeben wird, sind das 80 km/h. Mehr gibt auch die Qualität der Straßen nicht her. Mister Binh nimmt für uns die touristischen Nebenstrecken. Die Fahrt geht vorbei an atemberaubenden Landschaften._MG_5606
Wir können uns an einer riesigen Lagune die vietnamesische Variante der Austernzucht ansehen. Hier werden einfach längs aufgeschnittene Fahrradreifen in das Wasser geworfen. Die Austern wachsen daran fest und nach einer Weile wird das ganze Zeug wieder aus dem Wasser gezogen. Das Trennen der Austern von den Reifen findet in Handarbeit am Straßenrand statt._MG_5603 Aber alles sieht frisch aus und in den umliegenden Restaurants kann man die Austern essen. Es war leider für unseren Geschmack noch zu  früh für Austern. Kurz vor Da Nang trennt der Wolkenpass (496 m Höhe) geografisch Nord- von Südvietnam. Hier oben gibt es nur ein paar alte Bunker zu sehen. Der Pass war den ganzen Krieg über heftig umkämpft. Charlie versuchte (mit wechselnden Erfolgen) die Nationalstraße Nr. 1 als einzige Nord-Süd Verbindung zu unterbrechen.
Nach 3 Stunden interessanter Fahrt sind wir dann in Hoi An angekommen.