Monthly Archives: März 2018

Miwa

Beim Abendessen in unserem Hotel stand plötzlich Miwa an unserem Tisch und stellte sich als Guest Relation Officer („Puppetmaster“) vor. Das war insofern etwas ungewöhnlich, da Miwa aus Kyoto (Japan) kommt und einen solchen Posten in einem vietnamesischen Hotel inne hat.
Nach den üblichen Woher-und-Wohin-Höflichkeiten kamen wir auf die Frage, wieso es eine Japanerin hierher verschlägt. Sie sagte uns, dass in Vietnam viele höher qualifizierte Stellen von Japanern besetzt sind, insbesondere in den Bereichen Infrastruktur und Verkehrswesen. In Hue sind es nur fünf Japaner, die hier leben.
Für uns sehen Asiaten ja alle sehr ähnlich aus. Miwa erklärte uns so ein paar mentale Unterschiede. Die mit den lautesten Stimmen und der knalligsten Bekleidung (Hemd und Hut im grün-gelben Bananenmuster) sind Koreaner. Das sind quasi die Spanier Südostasiens.
Dann kommen Chinesen und Vietnamesen. Wenn man jedoch auf Leute trifft, die unglaublich schlecht und eintönig angezogen sind, bei jedem „Guten Tag“ erst einmal verschämt kichern und nie ohne ihre Gruppe irgendwo hingehen, dann sind das ihre japanischen Landsleute.
Die Qualität des Services, die Freundlichkeit und Aufmerksamkeit des Personals zeigten das Miwa ihren Job dort recht gut macht.

In der Lobby des Hotels

In der Lobby des Hotels

Zitadelle Hue

Unser Besuch in Hue war mit zwei Nächten nur kurz und galt dem Besuch der Zitadelle. Der
Weg dahin, ist mit dem gleichen Chaos wie in jeder anderen vietnamesischen Stadt verbunden. Laut und tausende von Mopeds. Wenn ich wieder zurück bin, muss ich erst mal meine Lunge überholen lassen.
Das Klima ist höllisch feucht, es regnet hier auch sehr häufig. Wir haben „Glück“, die Sonne scheint und beschert uns zu den 80% Luftfeuchtigkeit auch noch 32 Grad Celsius. Nach einem halbstündige Fußmarsch mit Überquerung des Perfum River stehen wir endlich vor den
ca. 21 Meter dicke Mauern der Zitadelle.

Zugang zur Zitadelle

Zugang zur Zitadelle

Auf dem Flag Tower steht ein 20 Meter hoher Flaggenmast mit einer überdimensionalen (wenn auch etwas träge herunter hängenden) vietnamesischen Fahne. Die Souveränität des Staates verlangt an diesem für die Geschichte des Landes vielleicht wichtigsten Ort eine klare und weithin sichtbare Manifestation. Dazu später jedoch noch etwas mehr.
Die Zitadelle selbst wurde erst mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts von den vietnamesischen Kaisern nach dem Vorbild der verbotenen Stadt in Peking erreichtet. _MG_5558In Amerika gibt es zu dieser Zeit bereits seit 30 Jahren eine Verfassung. Ein paar dekadente Kaiser versuchen in Vietnam des Mittelalter wieder herzustellen. Kurze Zeit später waren die Franzosen dabei das Land wirtschaftlich auszubeuten und konnten über die Attitüde der kaiserlichen Familie vermutlich nur lachen. Jedenfalls bebauen die Vietnamesen ein gigantisches Areal mit dem einzigen Ziel, die kaiserliche Familie unterzubringen und Jahrhunderte alten Ritualen zu frönen._MG_5544
Die Geschichte funktionierte auch nur bis 1945 als „Puppet Gouvernment“, von 1942-45 als „Double Puppet Gouvernment“. Da waren ja noch die Japaner mit von der Partie. Dann beginnt an der Zitadelle der Zahn der Zeit zu nagen. Als im Februar 1968 die Nordvietnamesen Hue besetzen wird die Zitadelle zum Mittelpunkt von 6 Wochen schwerer Kämpfe. Die südvietnamesische Regierung untersagt den Amerikanern den Einsatz von schweren Waffen. Am Ende war der Anblick der nordvietnamesichen Flagge auf oben genannten Turm wahrscheinlich doch so unerträglich, dass alle Beteiligten wieder zu Artillerie und Napalm griffen. Damit wurden große Teile der Zitadelle dem Erdboden gleich gemacht. Eine Teil der Paläste und Anlagen wurden jedoch wieder aufgebaut und rekonstruiert. Der Erhalt ist heute eine Mammutaufgabe. Das Klima setzt den Bauwerken beachtlich zu. Vietnam verfügt vermutlich nicht allein (sie konnten erst 61 Millionen Dollar dazu aufbringen) über die Ressourcen dieses beachtliche Stück Geschichte zu retten. Die Zitadelle wäre ein guter Ort für die Amerikaner, durch wirtschaftliche Hilfe beim
Wiederaufbau, die alten Wunden des Krieges zu heilen.

Vietnamesische Eisenbahn von Da Nang nach Hue

Ich sitze jetzt seit 2 Stunden, nach einer unglaublich freundlichen und professionellen Begrüßung, in Hue im Hotel Pilgrimagevillage. Private Sector of Economy.

Im öffentliche Sektor sieht das leider überhaupt nicht so aus. Unsere Eisenbahnfahrt von Da Nang nach Hue (wir wollten es halt mal wissen) erinnerte uns beide an Zeiten als der Kommunismus noch erreichenswert schien.
Die Gegend um Bahnhöfe herum ist auch in Deutschland oftmals nicht besonders schön (ich hab schon mal eine Nacht im IC Hotel in Duisburg verbracht), hier jedoch denkt man, man hat die Stadt in Richtung vorheriges Jahrhundert verlassen.
Im Wartesaal das Bahnhofes führen uniformierte Damen ein harsches Regime. Vietnamesisch kann eine verdammt unangenehm klingende Sprache sein. Die sanitären Einrichtungen haben wir schon einmal in Bulgarien in den 80er Jahren gesehen.

Bahnhof Da Nang, der Zug ist eingefahren.

Bahnhof Da Nang, der Zug ist eingefahren.

Wir haben eine Reservierung mit QR Code, Softseat mit Air Condition, für umgerechnet 4 Euro pro Person.
Der Zug fährt ein. Um auf den anderen Bahnsteig zu gelangen, alle Mann über die Gleise.
An jeder Wagentür steht eine extra Zugbegleiterin (Djeschurnaja). Sie wirft einen Blick auf mein Tablett, keine Spur eines Scanners. 20180228_125033Nach 30 Minuten Verspätung (die Strecke ist einspurig, die Lokomotive wird umgekoppelt) geht es los. Auf dem Innenthermometer 30 Grad, von Klimaanlage keine Spur. Auch die Zugbegleiterin ist verschwunden. Wir trösten uns mit der Aussicht (bzw.dem, was man durch die unglaublich schmutzigen Fenster sehen kann) auf die spektakuläre Küste. Die Zugfahrt geht mit 30-50 km/h am Rande das Gebirges entlang. Steile Abhänge stürzen direkt neben dem Gleis in Richtung südchinesisches Meer. Wir hoffen, dass sich das Gleisbett und die Lok in einem besseren Zustand als der Rest befinden.

Selfie im Softseat

Selfie im Softseat

Eine Stunde später fängt auch die Air Condition an zu arbeiten. Nach 2,5 Stunden Fahrt kommen wir endlich in Hue an. Der Bahnhof ist exakt das Abbild von Da Nang. Es ist laut, chaotisch und alles starrt vor Schmutz.

In anderen Ländern wird die koloniale Patina für den Tourismus gehegt und gepflegt.
Hier regieren leider Interessenlosigkeit und kommunistische Verwahrlosung.

Vietnamesisches Restaurant

Fisch essen gehen ist hier für einen Ausländer ein echt abgefahrenes Erlebnis. Bei uns setzt man sich an den Tisch und erwartet eine Speisekarte. Hier kommt die Bedienung und erwartet von dem Gast einen kleinen gelben Klebezettel. Man erklärte uns, dass wir zuerst nebenan den Fisch aussuchen müssen und dann wird gekocht.

In dieser überdimensionalen Zoohandlung sucht man sich das zu verzehrende Getier aus.

In dieser überdimensionalen Zoohandlung sucht man sich das zu verzehrende Getier aus.

Im Nebenraum befindet sich eine Art überdimensionale Zoohandlung mit Spezialisierung auf Fische. Bei den einschlägigen Fischzubereitern in Deutschland ist ja das Angebot doch sehr begrenzt, hier gibt es allein Dutzende Arten von Muscheln und Schnecken, Langusten und Hummer in alle Größen. Vor allem, alles lebt noch.
Mich hat das ziemlich überfordert, also habe ich Claudia mit dem Kellner losgeschickt und habe die einfachen Sachen bestellt, Bier. Das Bier steht in Kartons bei 27 Grad herum und ist so nicht zu trinken. Eine weitere Servicekraft (alles junge Männer) läuft mit einem Emailleeimer herum und steckt einem ein Eisstück, halb so groß wie der Titanic Eisberg, ins Glas. Das Bier ist sofort kalt und nicht verwässert (Saigon Special).
Ein Bier später tauchte das Essen auf. Ein reichliches Pfund Baby Calamari (mit Sepia, weil lebte noch) und 4 ca. 25 cm lange und dicke Langusten vom Grill. Auch die haben bis zum Grill noch mit den Augen geklimpert. Das ist einfach Genuss pur.20180226_183738
Das Restaurant ist von Vietnamesen gut bevölkert. Sobald man als Europäer ein Bier in die Hand nimmt, gibt es Leute, die mit einem anstoßen wollen. Es wird reichlich gegessen und getrunken. Die Geräuschkulisse ist entsprechend. Alles was nicht auf dem Tisch benötigt wird (leere Dosen, Teller, Servietten) fliegt unter den Tisch.

So sieht es unter den Tischen aus.

So sieht es unter den Tischen aus. Man beachte den Eimer mit dem Eis für das Bier.

Beim Verlassen des Ladens will ich noch ein Foto unter einem solchen Tisch machen. Sofort habe ich eine neue Dose Bier in der Hand und ein paar neue Freunde (die haben schon alle schön einen in der Krone),  die sich unbedingt mit mir Ablichten lassen wollen.
Interessant auch die Rechnung. Die belief sich mit dem Bier auf umgerechnet 15 Euro.